Die Reaktion des Wildes nach dem Schuss


Im stetigen Bestreben nach jagd- bzw. schießtechnischer Perfektion und ethischer Verantwortung gegenüber dem Wildtier, kommt der Bogenjäger nicht umhin, sich auf die Tatsache einzurichten, dass die Beute mitunter auf den Bogenschuss reagieren kann, bevor der Pfeil sein Ziel erreicht. Es bedarf einer gut abgestimmten Mischung einiger Faktoren wie Schießvermögen, physische und psychische Belastbarkeit und nicht zuletzt viel Erfahrung, um die Wahrscheinlichkeit eines suboptimalen Treffers gegen Null zu minimieren. Dabei soll der folgende Beitrag einige Hilfen und Denkanstöße liefern.


Der Mythos vom "Hiss of Death"

Auf den einschlägigen Internetforen, sowie bei entsprechenden „Lagerfeuerdiskussionen“, liest und hört man immer wieder von der Reaktion des Wildes auf das Schussgeräusch des Bogens bzw. das Fluggeräusch des Jagdpfeils. Im Gegensatz zum Büchsenprojektil bewegt sich ein Jagdpfeil deutlich unterhalb der Schallgeschwindigkeit. Somit ist klar; der Bogenschlag als Warnsignal erreicht die Beute schneller als der Pfeil. Über die Betrachtung von Ursache und Wirkung existieren deutlich unterschiedliche Meinungen.

Manche Bogenjäger verbringen sehr viel Zeit und Energie damit, den Bogen und die Pfeile so leise wie möglich zu gestalten. Nicht wenige dieser Jäger stören sich sehr oft am „Hiss of Death“, also dem „Rauschen des Todes“, welches ein Jagdpfeil verursacht, wenn er auf seinem Weg zur Beute die Luft zerschneidet. Man hört und liest zuweilen von diversen Tests, die unter anderem zur Wahl von Jagdspitze und Pfeilbefiederung herangezogen werden. So mancher Jagdspitzenhersteller hat sich schon anhören dürfen, dass seine Spitzen im Flug vermeintlich lauter rauschen als andere oder es werden eigentlich sinnvolle Befiederungen wieder verworfen etc.
Mike Sohm, der Gründer und Firmeninhaber von Magnus Broadheads, macht mit solchen Kritikern gerne folgenden Versuch:
Der Kunde steht direkt neben einer Zielscheibe geschützt hinter einer Betonsäule. Ein Bogenschütze beschießt diese Scheibe auf eine Entfernung von 20 Metern. Der Kunde hat nun die Aufgabe, genau in dem Moment in die Hände zu klatschen, in dem er das Fluggeräusch des Pfeils wahrnimmt.
Interessanterweise dauert es immer einige Schüsse, bis sich der Kunde nur auf das Fluggeräusch konzentrieren kann und nicht schon beim Abschussgeräusch klatscht. Ist es dann mal soweit, dass er das Schussgeräusch ignorieren kann, hat es bislang noch niemand geschafft, vor dem Einschlag des Pfeiles die Handflächen zusammenzubringen.

Das Problem an den “privaten“ Tests ist meist, dass sie wenig bis gar nichts mit der eigentlichen Jagdsituation zu tun haben. Da gibt es Varianten, bei denen sich Menschen auf den Boden legen und über sich hinwegschießen lassen, um das Fluggeräusch „auszuwerten“ oder auch hinter einem Baum verstecken, welcher mehr oder weniger neben der Flugbahn zu einer Zielscheibe steht.
Abgesehen von der Gefährlichkeit, bieten solche Tests sehr viel Raum für Fehlinterpretationen.
Vor allem durch die Tatsache, dass der „Hörer“ stets seitlich versetzt zur Flugbahn steht oder das Geräusch wahrnimmt, welches der Pfeil tatsächlich zu einer Zeit erzeugt hat, als er bereits den „Hörer“ passiert hatte.
Tests, bei denen eine Videokamera direkt unter- oder oberhalb des Ziels angebracht wurde, machen da deutlich mehr Sinn. Bei der Auswertung wurde dies sodann mit den Werten verglichen, die sich ergaben, wenn die Kamera in gewissem Abstand neben dem Ziel positioniert wurde.

Gemäß der Schallausbreitung kommt man hierbei stets zu dem Ergebnis, dass man das Rauschen des Pfeils nur seitlich versetzt zur Flugbahn wahrnimmt, jedoch nicht am eigentlichen Ziel.

Ein befreundeter US-Amerikaner hat schon vor einigen Jahren einen ähnlichen Versuch unternommen und ist zu den selben Ergebnissen gekommen.

 

Zusammenfassend kann man sagen, dass das Fluggeräusch des Pfeils für ein vorzeitiges Abspringen der Beute nicht nachweislich verantwortlich gemacht werden kann. Schon allein die Tatsache, dass das Abschussgeräusch des Bogens die Sinne des Wildes 3-mal schneller erreicht als der schnellste Jagdpfeil, lassen den „Hiss of Death“ als Ursache für eine Fluchtreaktion in der Bedeutungslosigkeit verschwinden.

 

Der Bogenschlag
Die lärminitiierte Fluchtreaktion des Wildes ist in erster Linie auf das Abschussgeräusch des Bogens zurückzuführen. Es ist anzunehmen, dass bereits die Art dieses mechanischen Geräuschs für das Wild wesentlich verstörender ist als das gleichmäßige Rauschen eines Pfeils, selbst, wenn es dieses Rauschen hören könnte. Ähnliches kennt das Wild bereits durch starken Wind, Insekten in den Lauschern oder durch Vögel, die dicht über das Haupt streichen.

Um einigermaßen exakt zu bestimmen, wie viel Zeit dem Wild bleibt, um eine Fluchtreaktion zu starten, müssen wir ermitteln, wie sich die zurückgelegte Strecke des Jagdpfeils in Relation zur Schallgeschwindigkeit verändert.

Die Schallgeschwindigkeit nimmt bei steigender Temperatur zwar durch die Verringerung der Luftdichte zu, jedoch für unsere Zwecke nur in einem vernachlässigbaren Ausmaß.

Bei einer angenommen Temperatur von 20° Celsius benötigt der Schall 0,0034s um einen Meter zurückzulegen.
Folgende Tabelle soll uns Näherungswerte liefern, wie lange der Schall auf den üblichen Bogenjagdentfernungen benötigt, um das Wildtier zu erreichen.

 

Tabelle01

 

Gehen wir davon aus, dass sowohl der Schall als auch der Pfeil gleichzeitig starten. Somit legt auch der Jagdpfeil eine gewisse Strecke zurück, während das Schussgeräusch bei der mutmaßlichen Beute ankommt.

An dieser Stelle begegnen uns immer wieder diverse Theorien und Vorlieben. Manche Bogenjäger bevorzugen die Vorteile eines schnellen Pfeils und einer flachen Flugbahn über die Geräuschminimierung des Bogens und wählen ihre Pfeile so leicht wie sie es bezüglich der angestrebten Wildart für noch gerade vertretbar halten. Andere versuchen mittels schwerer Pfeile nicht nur deren Tiefenwirkungspotential zu optimieren, sondern nutzen dabei auch den Nebeneffekt, dass ein schwerer Pfeil mehr Energie aufnimmt und den Bogen beim Abschuss leiser macht.

Rein rechnerisch kann man dabei für jedes erdenkliche Potential leicht ermitteln, um wie viel sich das Wild aus der Flugbahn bewegen kann. Die Ergebnisse sollen sodann bei der Entscheidung für die Wahl und der Einstellung des Jagdsetups hilfreich sein.

Extrembeispiele lasse ich dabei außen vor. Bewusst wähle ich einen Geschwindigkeitsbereich, in dem sich die meisten Jagdpfeile bewegen. Der Bereich von 65 – 85m/s (213 – 279 Fuß pro Sekunde) sollte eigentlich das Wesentliche abdecken. Für Pfeilgeschwindigkeiten ober- und unterhalb dieses Bereichs, kann der Leser sodann analog dazu seine eigenen Berechnungen durchführen.

WICHTIG:
„Wer immer mit dem Schlimmsten rechnet, bewahrt sich vor bösen Überraschungen.“
Diesem Grundsatz folgend, gehen hier wir stets vom ungünstigsten Fall aus. Das bedeutet, dass das Wildtier nicht mehr zu 100% vertraut, sondern bereits  aufmerksam ist. Allerdings hat es den Jäger noch nicht eräugt, sodass nur eine akustische Stimulation eine eventuelle Fluchtreaktion auslösen kann. Wurde der Bogenjäger visuell entdeckt und als mutmaßliche Gefahr eingeordnet, ist eine Schussabgabe ohnehin meistens zu riskant.

Den ballistischen Koeffizienten (Luftwiderstandsbeiwert cw) lasse ich auf solch kurzen Distanzen unberücksichtigt, da sich bei normalen Jagdpfeilen die Geschwindigkeitsabnahme nur minimal bemerkbar macht. Auf 40 Meter Distanz sind es gerade mal 1,5 bis 2m/s, die der Jagdpfeil an Geschwindigkeit einbüßt. Auf 20 Meter Distanz liegt der Wert unter 1m/s.

Gehen wir zunächst von einer Pfeilgeschwindigkeit von 65m/s und einer Distanz von 20 Metern aus.
Die Strecke, die der Jagdpfeil während der Schallausbreitung zurücklegt, ergibt sich aus dem Produkt der Pfeilgeschwindigkeit und der Zeit.

Rechnung00

 

Wir wissen nun, dass der Pfeil bereits 4,42 Meter zurückgelegt hat, wenn das Schussgeräusch an den Lauschern des Wildes angekommen ist. Bleiben also noch 15,58 Meter.

Nun wird es etwas knifflig. Bislang habe ich keine Quellen finden können, aus denen man die Reaktionszeit von Wildtieren auf akustische Signale wissenschaftlich bestimmt hat. Wer hierzu eine Quelle hat, kann sie mir gerne mitteilen. Da wir zumeist Wirbeltiere bejagen, habe ich die Reaktionszeit des Menschen mit ca. 0,12-0,18 Sekunden zugrunde gelegt.
(Siehe auch: http://www.arsmartialis.com/technik/reaktion/reaktion.html und
http://www2.uni-erfurt.de/sport/seiten/downloads/foliensaetze_bl/uebungen_reaktionszeit.pdf )

Gemäß unseres „Worst-Case-Grundsatzes“ nehmen wir an, dass Fluchtwild ein wenig flotter reagiert und runden diese Reaktionszeit, also von der Reizaufnahme über die Weiterleitung, die Verarbeitung im Gehirn und wiederum die Weiterleitung an die Muskulatur, auf 0,1 Sekunden ab. Schneller reagiert wohl nur eine Stubenfliege. Diese hat allerdings deutlich kürzere Wege in den Nervenleitungen.

Dem Pfeil bleiben also weitere 0,1 Sekunden, um sich dem Wild zu nähern. Bei 65 m/s sind das demzufolge s2 = 6,5 Meter.
Nun kommen wir zu Punkt X, also dem Punkt der Pfeilposition an dem das Wildtier seine Fluchtreaktion startet und eine Bewegung einsetzen kann. Dieser ergibt sich einfach aus der Summe von s1 und s2.

X Gleichung

Wir erhalten 10,92 Meter.
Bleiben demnach noch 9,08 Meter bis zum Ziel. Nennen wir diesen Weg sx.

Als nächsten Wert muss die Zeit ermittelt werden, die der Pfeil für diesen Restweg benötigt, also:

tx Gleichung

Diese 0,14 Sekunden lang kann sich das Wildtier also von seiner ursprünglichen Position entfernen. Betrachten wir nun die Bewegung des Wildes. Manche Beobachter sagen, es würde sich ducken oder geradewegs nach vorne durchstarten (Warzenschwein).
Wild duckt sich nicht; es lässt sich nach hinten-unten fallen, um sodann durch eine entsprechend starke Muskelkontraktion abspringen zu können. Ohne diese Kontraktion kann es nämlich auch nicht nach vorne durchstarten. Da sich kaum ein Tier am Boden festkrallen und nach unten ziehen kann, lege ich die Gravitationskonstante von knapp 9,81 m/s² zugrunde, die analog zum freien Fall den Wildkörper in Richtung Boden beschleunigt. Tatsächlich wird es sogar etwas weniger sein, da auch hier eine Massenträgheit überwunden werden muss, aber belassen wir es auf diesem Wert.

Physikalisch betrachtet reden wir hier von einer gleichmäßig beschleunigten Translation. Vereinfacht ausgedrückt von einer geradlinigen Bewegung ohne Anfangsgeschwindigkeit. Aus einer verharrenden Position heraus erfolgt also eine gleichmäßig zunehmende Geschwindigkeit des Zieles (Wildkörper).

Hierbei gilt es den zurückgelegten Weg (sw) zu bestimmen, den sich das Wild aus der Schussbahn des Pfeils bewegen kann, gemessen von dem Zeitpunkt, ab dem das Abschussgeräusch des Bogens als ein vergrämendes Signal beim Wildtier ankommt und motorisch in eine Fluchtreaktion umgesetzt wird.

Rechnung01

Bei dieser eher geringen Pfeilgeschwindigkeit schafft es das Wild also im ungünstigsten Fall, den Treffpunkt um knapp 10cm nach oben zu verlagern.

Vergleichen wir diesen Wert nun mit dem einer Pfeilgeschwindigkeit von 85m/s.

Rechnung02

 

Den 9,6cm des langsameren Pfeils stehen die 2,2cm des schnelleren Pfeils gegenüber. Dieser Unterschied ist beträchtlich, wenn man bedenkt, dass eine Geschwindigkeitssteigerung von nur knapp 31%, die mögliche Abweichung des Treffers um 77% verringert.
Eine Trefferabweichung von 2,2cm liegt noch im Bereich der menschlichen „Wackelamplitude“ und kann bei einer Trefferzonengröße von 10cm im Durchmesser bei einem Wildtier in Rehbockgröße fast schon vernachlässigt werden.

Folgendes Video zeigt in zehnfacher und dreißigfacher Zeitlupe einen Schuss auf eine männliche Schwarzfersenantilope (Impalabock) aus ca. 16 Metern Entfernung und ca. 4 Metern Höhe.
Sehr gut kann man die Muskelkontraktion und das "Fallenlassen" der Antilope, also das Ausholen zum Sprung, beobachten. Der Pfeil hat in diesem Moment noch ca. 1 Meter bis zum Ziel (Pfeilgeschwindigkeit 85m/s) und trifft den anvisierten Punkt. Der Treffer, leicht schräg von hinten, verläuft von der letzten Rippe der Einschussseite durch den Kammerbereich und verlässt den Wildkörper wieder im Bereich des gegenüberliegenden Schultergelenks. Das Stück kam nach 42 Metern Flucht zu Strecke.



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