Die Jagdoptik

Ein gutes Fernglas ist für jeden Jäger ein nahezu unentbehrliches Hilfsmittel. Der Bogenjäger macht da keine Ausnahme. Aufgrund der überwiegenden „Tagaktivität“ und auch wegen der Nähe zum Wild, sind die Anforderungen an die optischen Jagdbegleiter jedoch etwas anders gelagert als für den klassischen Büchsenjäger. Die unterschiedlichen Jagdsituationen und Einsatzzwecke sollen dabei im Einzelnen betrachtet werden.

Das Fernglas (oder auch das Spektiv) ist wie so vieles, ein sehr persönlicher Ausrüstungsgegenstand.Nico Wer sich nicht zu den Glücklichen zählen kann, für jede erdenkliche Situation das passende Glas zur Hand zu haben, muss sich vor dem Kauf überlegen, wo die Einsatzschwerpunkte der Optik liegen. Es kommt eher selten vor, dass man mit dem Bogen auch nach Einbruch der Dämmerung der Jagdausübung nachgeht. Erinnern kann ich mich an einige Nachtansitze auf das südafrikanische Buschschwein. Auch aufgrund der Klarheit der Luft war das Licht des Vollmonds unbeschreiblich intensiv. Die Entfernung zur Kirrung lag bei kaum 15 Metern. Vom 3 Meter hohen Ansitz aus sah ich alles um mich herum. Mein damaliges Pirschglas in 8x32 und hoher Qualität ermöglichte unter diesen Bedingungen zu jeder Zeit ein sicheres Ansprechen bis ca. 50 Meter, obwohl es mit einer Austrittspupille von 4mm Durchmesser nicht gerade zu den „Lichtriesen“ gehörte. Ein lichtstarkes Fernglas in 8x56 ist eine tolle Sache, wenn man es denn immer mit sich herumschleppen will. Wirklich nötig ist es für den Bogenjäger nicht. Im heimischen Revier öfters mit der Büchse auf Sauen anzusitzen, macht die Anschaffung eines solchen Fernglases schon wesentlich sinnvoller.

Wer mit Jagdoptik noch gar keine Erfahrung hat, findet unter diesem Link allerhand Basiswissen und Erläuterung von Fachbegriffen: Wissenswertes über das Fernglas

Welche Optik für welchen Zweck?
Der Bogenjäger im Baum- oder Erdansitz benötigt in der Regel keine enorme Vergrößerung. Ein Stück Wild auf 200 Meter einwandfrei ansprechen zu können, ist zwar eine schöne Sache, bringt aber nicht viel, wenn man ohnehin nicht so weit schießen bzw. treffen kann. Eine 8-fache Vergrößerung ist vollkommen ausreichend. Maximal 10-fach. Alles darüber macht es schwierig freihändig ein ruhiges Bild zu erhalten. Ein viel wichtigerer Faktor ist die Größe des Sehfelds (meist vom Hersteller in Meter auf 1000m angegeben). Der Vorteil liegt bereits im Fachbegriff. Je größer das Sehfeld meines Fernglases, desto mehr sehe ich. Man kann also mit weniger „Beobachtungseinheiten“ eine gleichgroße Fläche abglasen, als mit einem Fernglas mit weniger Sehfeld im Angebot. Ab und an kann man Menschen mit Ferngläsern zuschauen, die in langsamer, aber stetiger Horizontalbewegung einen bestimmten Bereich abglasen. Diese Methode mag vielleicht bei der Landschaftsbegutachtung oder bei der Beobachtung eines sich bewegenden Objekts Sinn machen. Dem (Bogen-) Jäger, der sich noch in der Hoffnung des ersten Anblicks wähnt, kann ich nur empfehlen, die Waldkante, die Lichtung, die Hügelkette oder was auch immer, in Beobachtungseinheiten abzuglasen. Das bedeutet nichts anderes, als dass man unter voller Ausnutzung des Sehfeldes an einem Ende anfängt ruhig und unbeweglich zu glasen. Schauen Sie sich das gebotene Bild in Ruhe ein paar Sekunden lang an. Nun gleitet man langsam mit seinem Blick in die gewünschte Richtung und stoppt in etwa an dem Punkt, dem man zuvor noch am anderen Ende des Sehfeldes wahrgenommen hat, verharrt dort wieder aufmerksam für ein paar weitere Sekunden und so weiter. Es kann nicht schaden, wenn man sich etwas mehr Zeit nimmt.
APFür den Pirschjäger hat die Größe des Sehfelds meiner Erfahrung nach einen noch höheren Stellenwert. In den allermeisten Fällen wird es die vorhandene Vegetation schwierig bis unmöglich machen, wirklich in die Ferne zu schauen. Das Sehfeld auf kurze Distanzen unter 50 Metern ist recht eingeschränkt. Selbst bei Ferngläsern mit 150 Meter Sehfeld auf 1000m ist selbiges auf 50 Metern nur noch 7,5 Meter breit. Bei 120 Meter Sehfeld schrumpft es gar auf 6 Meter. Auf dieser um 20% kleineren Sehfeldgröße kann dem Jäger schnell etwas entgehen. Deshalb geht bei Ferngläsern mein erster Blick stets in die technischen Daten. Beträgt das Sehfeld weniger als 130 Meter, ist es eher unwahrscheinlich, dass mich dieses Glas zu begeistern weiß. Je höher die Vergrößerung, desto kleiner ist auch das Sehfeld. Ich tendiere ganz klar zu Ferngläsern mit Vergrößerungen 7- oder 8-fach. Eine 10-fache Vergrößerung würde ich mir allenfalls beim Ansitz gefallen lassen. Auch wer einmal in körperlich anspruchsvollem Gelände (Gebirge) gewaidwerkt hat, wird schnell merken, dass eine 10-fache Vergrößerung bei erhöhtem Puls kaum ein ruhiges Bild liefert, wenn man auf die Schnelle keine adäquate Auflage findet.

Größe und Gewicht
Wie schon erwähnt, erachte ich Ferngläser mit 50 oder mehr Millimetern an Objektivdurchmesser Zeiss HTfür den Bogenjäger als unnötig. Ein Gewicht von 1000 Gramm und mehr am Riemen um den Hals oder auch im Tragegeschirr kann recht hinderlich sein. Ich empfehle einen Objektivdurchmesser von mindestens 32mm bis maximal 44mm bei jeweils 7- bis 8-facher Vergrößerung. Das Gewicht von ca. 500 -750 Gramm ist auch bei längeren Pirschgängen meist noch erträglich.
Von Super-Kompakt-Ferngläsern im Bereich 8x20 oder 10x25 rate ich für jagdliche Verwendungszwecke eher ab. Bestenfalls eignen sie sich als Zweitglas im Handschuhfach. Das gebotene Sehfeld solch kleiner Ferngläser ist meist sehr eingeschränkt, schon beim Einsetzen der Abenddämmerung wird das Ansprechen zum Glücksspiel und durch die geringe Masse sowie die bauartbedingt sehr kleinen Augenmuscheln ist ein entspanntes Glasen mit ruhigem Bild eher schwierig.

Der Ärger über die mindere Qualität währt immer wesentlich länger als die Freude am günstigen Preis.
Zugegeben, die Preisentwicklung hochwertiger Jagdoptik ist, vor allem in den Jahren nach der Euro-Umstellung, für mich nicht nachvollziehbar durch die Decke gegangen.
Die Qualität der Jagdoptik sollte dennoch so hoch sein, wie es der Geldbeutel gerade noch erlaubt. Lieber etwas länger sparen oder auf ein gebrauchtes Spitzenglas zurückgreifen als hierbei Kompromisse einzugehen. Mag bei Tageslicht so manch vermeintlich preisgünstige Alternative mit einigen Spitzengläsern noch mithalten können, so merkt man spätestens bei ungünstigen Lichtverhältnissen oder häufigem Gebrauch, dass es einen Grund für die deutlichen Preisunterschiede bei Jagdoptiken gibt. Die Qualität der Mechanik, die Dichtheit, die Unempfindlichkeit gegenüber harten Beanspruchungen, die Ergonomie und die Gewichtsverteilung für langes, entspanntes Glasen sind ebenso wichtig wie die Leistung der Optik. Nehmen Sie sich zum Testen ausreichend Zeit. An hochwertiger Jagdoptik hat man viele Jahre Freude und jagdlichen Nutzen. Nach über 25 Jahren intensivem Gebrauch ist beispielweise das Zeiss 8x56 Dialyt meines Vaters immer noch absolute Spitzenklasse.
Bekannte Marken wie Swarovski, Zeiss, Leica und andere haben neben ihren Topprodukten meist auch günstigere Optiken im Angebot. Trotz des großen Namens, haben mich diese aber bislang noch nie vom Hocker gerissen. Ein verwöhntes Auge sieht den Unterschied recht schnell. Ob man damit leben kann, muss jeder für sich allein entscheiden. Das bereits häufig beschriebene, möglichst große Sehfeld nützt übrigens nur etwas, wenn die Optik auch über die entsprechende Randschärfe verfügt. Nur dadurch erkennt man, dass das braune Blatt im Wind am Rande des Sehfelds eigentlich ein sichernder Lauscher ist. Spätestens hier kommt man an einem Glas der „+EUR 1500-Klasse“ kaum vorbei.

Ferngläser mit integriertem Entfernungsmesser
Klingt eigentlich perfekt für den Bogenjäger. Fast zu schön, um wahr zu sein. Spitzenoptik zum Glasen und der für Bogenjäger unentbehrliche Entfernungsmesser ist auch bereits dabei. So weit, so gut.
Beim näheren Hinsehen bezahlt man diese durchaus sinnvolle Kombination allerdings mit einigen Abschlägen.
Der Bedienknopf sitzt häufig (Swarovski und Leica) auf der linken Seite. Für Rechtshandschützen, die den Bogen in der linken Hand tragen, reichlich ungünstig. Beim Zeiss RF ist das Sehfeld deutlich kleiner als beim Victory ohne Entfernungsmesser. Zudem hat man bei der Optik auf den Flouridanteil im Glas verzichtet, der beim Victory für die Minimierung von Farbsäumen sorgt. Auch das Bild des EL Range von Swarovski erscheint mir persönlich etwas dunkler als das des EL Swarovision. Offensichtlich ist man einen Kompromiss aus preislichen oder fertigungstechnischen Gründen eingegangen. Wieder kann ich nur empfehlen, selbst zu testen. Zumal wir hier von über EUR 2500 reden.
Nachtrag: Das nagelneue Leica Geovid HD-B habe ich noch nicht begutachten können. Vielversprechend ist die rechtshändige Bedienung. Auf der anderen Seite sind knapp 1 Kilogramm Gewicht für ein 8x42 sehr viel. Sobald ich mehr weiß, werde ich diesen Beitrag entsprechend ergänzen.

Tipp für qualitätsbewusste Schnäppchenjäger
Die japanische Firma Nikon hat mit den Serien EDG und HG L Jagdoptik allererster Güte im Programm. Hier merkt man, dass man auch in Japan etwas von Spitzenoptik (Fotokameras) versteht.
nikonWichtig: Ich rede hier nicht von Nikons in China gebauten Consumer-Serien wie Monarch, Sportster oder Pro-Staff. Die EDG und die HG L Serien werden in Japan von Nikon selbst gebaut. Die HG Light Serie ist der Nachfolger der HG Serie (High-Grade) bei der das Gewicht noch etwas reduziert wurde. Ich habe das HG 8x32 DCF als Pirschglas geführt und war begeistert. Es hatte seinerzeit die Spitzenmodelle der großen europäischen Hersteller in diversen Tests geschlagen. Das Nikon EDG tut dies heute ebenso und ist wohl noch einen Tick besser als das HG (L).
Nikon Ferngläser erhält man nicht nur bei Jagdzubehöranbietern, sondern vor allem auch im gut sortierten Fotofachhandel. Letztere können diese Ferngläser meist zu deutlich besseren Preisen anbieten. Ein HG L bekommt man schon für ca. EUR 750-900 und kann sich absoluter Spitzenqualität sicher sein. Beim EDG wird eher schon der doppelte Preis fällig. Allerdings ist dies auch ein Traum von einem Fernglas.

Fassen wir zusammen

  • Beschränken Sie sich als Bogenjäger auf max. 44mm Objektivgröße und max. 10fache Vergrößerung.
  • Bedenken Sie vor dem Kauf, dass eine gute Optik eine Anschaffung fürs Leben sein kann. An Billigprodukten werden Sie keine Freude und wenig Nutzen haben.
  • Probieren Sie ausgiebig. Gehen Sie mit ein paar Testkanditaten aus dem Fachgeschäft auch mal vor die Tür. Suchen Sie beim Glasen nach Objekten mit feiner Struktur (Baumkrone, Antennenmast mit feinen Auslegern etc.) und bewerten Sie, wie scharf die Darstellung auch in den Randbereichen verläuft.
  • Liegen die Augenmuscheln angenehm an? Sehen Sie Verschattungen am Rand? Wenn Sie beim Glasen die Gesichtsmuskulatur verziehen müssen, passt irgendetwas nicht.
  • Fühlt sich das Fernglas ergonomisch an? Die Handhaltung sollte sicher, aber nicht verkrampft sein.
  • Wie sauber läuft der Mitteltrieb? Zu leichtgängig? "Knirscht" gar etwas? Hochwertige Mechanik kann man spüren.
  • Wie sieht es mit einem Reparatur-Service aus? Wir sind Jäger und die Optik muss hart im Nehmen sein.

 

Interessante Links zum Thema Ferngläser bzw. Optik:

http://www.holgermerlitz.de/8x32/test8x32.html
http://www.allbinos.com/ (Testseite auf Englisch)
http://www.nightskyinfo.com/binoculars/ (auf Englisch, aber umfassend)


Zum Thema Spektive und Entfernungsmesser wird dieser Beitrag zu einem späteren Zeitpunkt ergänzt.

 


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