Gedanken zum Jagdbogen (Teil 2)

Die Bauarten der Wurfarme

An dieser Stelle möchte ich auf einen Punkt hinweisen, der von entscheidender Bedeutung sein kann, wenn wir die Zuverlässigkeit eines Jagdbogens betrachten. Sehr oft wird die Entscheidung für oder gegen einen Compoundbogen nach optischen Gesichtspunkten gefällt. Zuweilen kann man auch hören oder lesen, dass die Auswahl nach der Bauart der Wurfarme lediglich Geschmacksache sei. Dies trifft auf einen Jagdbogen nur sehr bedingt zu. Bei der Frage einteilige oder zweiteilige Wurfarme, also Solid- oder Split-Limbs, rate ich zu letzterer Variante. Das trifft besonders auf Bögen zu, die mit einer Auszugslänge von über 30 Zoll geschossen werden. Das Funktionsprinzip des Compoundbogens bedingt es nun einmal, dass eine zunehmende Auszugslänge stets mit einer größer werdenden Wurfarmdeflektion (=Durchbiegung) einhergeht. Rein mechanisch betrachtet stellt jeder Wurfarm eine Blattfeder dar, welche eine gewisse Durchbiegung erfährt, um dadurch Energie abzuspeichern (Federrate).
Wie bei jedem Biegevorgang erfährt auch der Wurfarm auf seiner Außenseite eine Streckung und auf seiner Innenseite eine Stauchung des Materials. Man muss kein Werkstoff-Ingenieur sein, um zu begreifen, dass dies nur bis zu einer gewissen Grenze dauerhaft gut gehen kann. Betrachtet man die unterschiedlichen Wurfarmprofile während des Deflektionsvorgangs, so kann man beobachten wie der Wurfarm damit umgeht. Der klassische einteilige Wurfarm ist am Ende gegabelt, um das Cam aufnehmen zu können. Dieser gegabelte Bereich wird herstellerseitig sehr massiv gehalten, damit der Wurfarm bei der Torsionsbelastung des Lastwechsels von der Sehnen- zur Kabelseite keinen Schaden nimmt und nicht mit der Zeit einreißt. Dieser verstärkte Bereich liegt ausgerechnet in limbdeflection compAchsnähe, also dort, wo der kürzeste Hebel und somit die geringsten Kräfte bezüglich der Durchbiegung auftreten. Demzufolge ist die Deflektion in diesem Bereich äußerst gering bis kaum messbar. Da aber die Deflektionsamplitude, also der Weg, den sich der Wurfarm biegen muss, durch die Geometrie des Cams vorgegeben ist, muss der „biegsame Teil“ des Wurfarms fast die komplette Deflektion auf seine Schultern laden. Ein 13 Zoll langer, einteiliger Wurfarm nutzt also nur ca. 4 bis 5 Zoll seiner Länge zur Durchbiegung wie das nebenstehende Foto zeigt. Dieser Bereich wird sodann auch am stärksten belastet. Das erklärt auch, warum kürzere Jagdbögen mit diesen Wurfarmen eher selten mit großen Auszugslängen lieferbar sind.

Deflection lengthSehen wir uns zum Vergleich den zweiteiligen Wurfarm einmal an. Ein Riss durch die Torsionsbelastung ist hier bauartbedingt nicht zu befürchten. Diese Tatsache erlaubt es dem Konstrukteur, das Wurfarmprofil der Hebellänge anzupassen. Auf dem Foto kann man erkennen, dass der Wurfarm deutlich schmaler wird, je mehr man Richtung Achse schaut. Noch deutlicher wird der Unterschied während der Deflektion. Der zweitteilige Wurfarm kann dieselbe Deflektionsamplitude auf eine mindestens doppelt so große Länge verteilen wie der einteilige Wurfarm. Das Bauteil und der Werkstoff werden somit entsprechend weniger belastet.
Dieses Beispiel soll nicht dazu dienen, den einteiligen Wurfarm per se als Schadensquelle zu brandmarken. Natürlich kann ein Solid-Limb ewig halten und ein Split-Limb beim ersten Schuss die Segel streichen. Dennoch spricht die simple Physik sich tendenziell eindeutig für den zweiteiligen Wurfarm aus, wenn wir von Zuverlässigkeit unter identischen Bedingungen ausgehen. Hinzu kommt, dass man durch die korrekte Auswahl der Federrate und die entsprechende Montage der einzelnen Wurfarme die angesprochene Torsion sehr gut minimieren kann, so dass die perfekte Einstellung des Bogens für einen sauberen Pfeilflug beim zweiteiligen Wurfarm deutlich vereinfacht wird.

Die Art der Kraftübertragung

Mehrere unterschiedliche Rollen-Systeme buhlen heutzutage um die Gunst des Käufers. Da auch der Compoundbogen nun mal den Gesetzen der Physik unterliegt und mit mechanischen Wirkungsgraden von bis zu 95% auch weitgehend ausgeschöpft ist, wird von den Herstellern vor allem mit dem Faktor „Anwenderfreundlichkeit“ geworben.
Unter diesem Oberbegriff verbergen sich Verkaufsargumente wie ein angenehmer und gleichmäßiger Auszug, ein ergonomischer Griff, ein angemessene Gesamtmasse und Gewichtsverteilung, die den Anwender nicht überfordert, aber trotzdem einen soliden Zielvorgang erlaubt und nicht zuletzt eine einfache Wartung und Einstellung (Tuningfreundlichkeit).
Seit der Erfindung der mobilen Bogenpresse der Fa. SYNUNM kann auch der Bogenjäger mit dem FokuUF Cams auf seine nächste Jagdreise etwas entspannter einen Bogen aussuchen, der ihm zusagt, ohne dass er ständig im Hinterkopf behalten muss, wie leicht oder schwierig sich dieses Modell bei einem eventuellen technischen Defekt fernab der Werkstatt wieder reparieren lässt.
Schon durch die Verfügbarkeit zuverlässiger Sehnen und Kabel, welche heute wesentlich sorgfältiger und stabiler gefertigt werden als noch vor einigen Jahren, ist es heutzutage beinahe ohne Belang, ob man sich für einen Bogen mit Doppel-Cam, Single-Cam, Hybrid-Cam oder die ein oder andere Nischenvariante (z.B. BowTech Overdrive System) entscheidet. Alle Systeme bedürfen eines gewissen technischen Grundverständnisses, wenn es darum geht, beispielsweise die Sehne zu wechseln oder das Positionierungsverhalten der Cams zueinander (Timing und Roll-over) fein zu justieren. Persönlich bevorzuge ich mittlerweile Hybrid-Cams, welche unter verschiedenen Namen von diversen Herstellern angeboten werden.

Die Farbgestaltung

kudu01Für den Bogenjäger sind mittlerweile die verschiedensten, fotorealistischen Camouflagemuster für Bogen und Anbauteile erhältlich. Man kann sie mögen oder nicht. Bei Jagdbögen haben sie sich durchgesetzt. Ein MUSS sind sie meines Erachtens nicht. Wildtiere reagieren in erster Linie auf Bewegung und auch der perfekt getarnte Bogen muss erst mal unbemerkt ausgezogen werden. Persönlich hatte ich mit diversen Farben von Dunkelgrau,kudu02 Schwarz oder Camouflage gleichwertige Jagderfolge. Diesbezüglich habe ich einmal einen Jagdbericht gelesen, bei dem der Jäger einen FITA-Recurvebogen mit blauem Mittelteil und weißen Wurfarmen erfolgreich zur Jagd eingesetzt hat. Man sieht also, es geht auch ohne Tarnmuster. Abraten möchte ich allerdings von stark reflektieren Anbauteilen und Farben wie Weiß oder Chrom. Das Wild fühlt sich dadurch vermutlich nicht direkt gestört, aber jede Bewegung würde dadurch die Aufmerksamkeit der Beute noch leichter in Richtung des Jägers lenken. Letzten Endes halte ich diesen Faktor jedoch für eine reine Geschmackssache.

Ein weiterer wichtiger Punkt (in Planung):

Innen- und Außenballistik oder „Die Leistung des Bogens“

 


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