Gedanken zum Jagdbogen (Teil 1)

Die individuellen Überlegungen und Entscheidungen, wer warum welchen Bogen zur Jagdausübung einsetzt, sind so vielfältig und breitgefächert, dass man keine wirklich zielführende Anleitung dazu geben kann. Sind die jeweils gültigen, gesetzlichen Mindestanforderungen erfüllt, ist es vor allem wichtig, dass dem Bogenjäger sein Jagdgerät liegt und er damit regelmäßig ausreichend gut trifft. Die Bauart des Bogens, seine Farbgebung (camouflage oder nicht) und andere Eigenheiten rücken dabei eher in den Hintergrund. Natürlich gab es auch bei meiner persönlichen Bogenwahl entsprechende Vorüberlegungen, die ich hier folgend darlegen möchte.

Beim Besuch diverser BogenSPORThändler hierzulande fällt auf, dass man einen Recurvebogen sehr oft als „Jagdbogen“ angeboten bekommt. Ebenso findet man bei sogenannten Bogenjagdturnieren auf 3-dimensionale Tierattrappen überwiegend Schützen mit Recurve- oder Langbogen.
Wohl bewusst der Tatsache, dass bei entsprechendem Trainingsaufwand auch mit den Bogenarten Recurve- und Langbogen (natürlich ohne Visier), effektiv und erfolgreich gejagt werden kann, soll sich hier auf den Compoundbogen beschränkt werden.
Das besondere Jagdglück mit einem einfachen Bogen kann ich durchaus nachvollziehen, dennoch sei es mir bitte verziehen, wenn ich die Sachlage eher realistisch und nüchtern betrachte. In der Tat gibt es einige sehr erfolgreiche Jäger mit Recurve- und Langbogen. Trotzdem sehe ich deren jagdlichen OMEN65 01Einsatz kritisch, wenn auch sicherlich nicht gänzlich ablehnend. Der Grund dafür liegt nicht unbedingt in der geringeren Leistungsfähigkeit gegenüber moderner Compoundbögen, sondern viel mehr beim Faktor Mensch.
Eine jagdlich wirklich verantwortbare, stets reproduzierbare Treffsicherheit erfordert mit Recurve- und Langbogen nicht nur Talent, sondern einen erheblichen Trainingsaufwand. Ein solches Training ist von einem normalen, werktätigen Menschen nur schwerlich dauerhaft zu bewerkstelligen. Ich habe in meinem Jägerleben unter Hunderten kaum eine Handvoll Bogenjäger und -schützen mit Recurve- und Langbogen kennengelernt, die ich ohne Bedenken zur Jagd mitnehmen würde. Jeder dieser exquisiten Schützen bestätigte mir ein Trainingspensum von 150 bis 200 Pfeilen pro Tag. Natürlich trifft man auch mit diesen Bögen einen Bierdeckel auf 30 Meter. Dies jedoch ungeachtet der Tagesform 10 Mal hintereinander, womöglich noch aus diversen Zwangslagen heraus zu bewältigen, erfordert besonderes Können und eben stetes Training.

Einige Kritiker des Compoundbogens sehen in den technischen Anbauteilen wie Visier und Pfeilauflage empfindliche Schwachstellen. Wenn man so manches Zubehörteil unter technisch-fachlichen Gesichtspunkten näher betrachtet, kann man dieser Aussage durchaus zustimmen. Wie bereits im Intro erwähnt, wird innerhalb dieses Internetauftritts u.a. versucht, die Spreu vom Weizen zu trennen. In der Tat kann man auch einen Compoundbogen samt Komponenten so vorbereiten, dass man sich um fast nichts Gedanken machen muss. Selbst ein Wechsel von Sehne, Kabeln und sogar Wurfarmen auf einer Jagdreise sollte mit nur minimalem Werkzeugeinsatz möglich sein. Ein stets zuverlässiges Waidwerkzeug ist unabdingbar. Schließlich gilt der Jagd, nicht dem Schrauben, die Hauptaufmerksamkeit.

Ein US-Bogenjäger hat zu diesem Thema einmal treffend bemerkt:

„Ohne den Compoundbogen wäre die moderne Bogenjagd nicht dort, wo sie heute steht. Allerdings gäbe es ohne den Lang- und den Recurvebogen gar keine moderne Bogenjagd.“

Zugegeben ist ein Recurvebogen, handgefertigt mit viel Liebe, Geschick und Fachwissen aus edlen Hölzern, für mich persönlich die optisch ansprechendste Form dieses Schießgeräts namens Bogen. Nichtsdestotrotz weiß mich als gelernten Metallhandwerker auch so mancher Compoundbogen optisch zu begeistern, da Technik und Ästhetik für mich keinen Widerspruch darstellen. Die Leistungsfähigkeit und die erreichbare Präzision waren aber in rein jagdlicher Hinsicht die ausschlaggebenden Faktoren, die Entscheidung zugunsten des Compoundbogens zu treffen. Dabei ist es auch in den letzten fast 25 Jahren geblieben und wurde als die für mich richtige Entscheidung immer wieder bestätigt.

Diese moderne Form der „Pfeilbeschleuniger“ hat der heutigen Bogenjagd zu dem Stellenwert verholfen, den sie aktuell weltweit innehat. Mit einer entsprechenden Zuggewichtsentlastung entspannter und präziser zielen zu können, reproduzierbar genau justierbare Anbauteile wie Pfeilauflage und Visiereinrichtung, eine höhere ballistische Leistung und nicht zuletzt seine kompakte Bauform, stellen die Hauptgründe dar, warum sich die meisten Bogenjäger für den Compoundbogen als Waidwerkzeug entscheiden. Zu Anfang noch recht schwer, kompliziert und technisch anfällig, ist die Technik dieser Bögen innerhalb der letzten Jahre deutlich vorangeschritten, auch wenn sich das technische Grundprinzip kaum geändert hat. Neben der Verwendung besserer Werkstoffe und hochwertigerer Komponenten, sind viele Modelle mit nur wenig Aufwand zerlegbar und somit auch für den Auslandsjäger, der sich weit abseits der nächsten Werkstatt aufhält, ein zuverlässiger und wartungsfreundlicher Begleiter.

Werfen wir einen sachlichen Blick auf die Vor- und Nachteile der gängigen Bogenarten für den jagdlichen Einsatz:

Recurve- und Langbogen:
Vorteile:   Relativ geringes Gewicht / Als Take-Down-Version ideal zum Reisen / Einfach zu warten / Meist leise im Abschuss

Nachteile:    Sehr trainingsintensiv / Meist sehr große Baulänge (150cm und mehr) / Ca. 30% weniger Leistungspotential als ein zugkraftgleicher Compoundbogen

Compoundbogen:
Vorteile:   Einmal korrekt eingestellt, stets reproduzierbar treffsicher / Durch die Zuggewichtsreduzierung ist ein längerer und exakterer Zielvorgang möglich / Besser auf verschiedene Jagdpfeile einstellbar (flexible Innenballistik) / Kompakte Bauweise (90cm und weniger)

Nachteile:    Höhere Masse als Recurve- oder Langbogen / Jagdreisen erfordern oft einen speziellen Koffer / Die Wartung kann aufwändiger sein / Technische Details benötigen im Vorfeld eine angemessene Aufmerksamkeit / Dem Anwender wird ein gewisses Maß an technischem Verständnis abverlangt.

 

Auswahlkriterien für einen jagdtauglichen Bogen

Es ist an dieser Stelle schwierig bis unmöglich wirklich allgemeingültige Kriterien festzulegen, da der Jagdbogen ein so individuelles Schießgerät darstellt wie eine auf Maß geschäftete Büchse oder Flinte. Dennoch kann man einige allgemeingültige Faktoren aufzählen:
Der Bogenjäger sollte sich zu jeder Zeit sicher und komfortabel fühlen, wenn er seinen Jagdbogen in Anschlag bringt. Hierzu ist es nicht nur notwendig, dass so wichtige Parameter wie die korrekte Auszugslänge und die Griffposition zum Anwender passen, sondern es ist ebenso elementar, dass der Bogenjäger mit eben diesem Bogen ausreichend jagdspezifisch trainiert hat. Unter Idealbedingungen auf dem Schießplatz brauchbare Ergebnisse zu erzielen muss noch lange nicht bedeuten, dass dies dem Bogenjäger auch unter Zwangslagen in unbequemer Haltung bei widriger Witterung und schlechtem Licht gelingt. Zu zahlreich sind die möglichen Fehlerquellen. Bis der Anwender einmal DEN Bogen gefunden hat, mit dem er sich unter allen Umständen wohlfühlt und stets sicher trifft, kann so einige Zeit vergehen.

Die wichtigsten Maße und die Geometrie des Jagdbogens

Gut in Erinnerung sind mir noch die Aussagen so mancher Sportschützen vor ca. 15-20 Jahren, wenn man Ihnen einen neuen Jagdbogen unter die Nase hielt: „Was?! Nur 7 Zoll Standhöhe und nur 38 Zoll lang? So etwas ist unschießbar!! Man braucht mindestens 44“ Achslänge, damit der Bogen vernünftig trifft.“
Nun ja, die Zeiten haben sich geändert und Compoundbögen über 40“ Länge sind heutzutage eher die Ausnahme im Bogensport.

Die gebräuchlichsten Jagdcompounds weisen einen Achsenabstand zwischen 30 und 36 Zoll (76-91cm) auf. Etwa in den vergangenen 10-15 Jahren wurden die Anstellwinkel der Wurfarme stetig flacher und der Begriff „parallel limb design“ ist zur Standardfloskel geworden, wenn man sich heute über moderne Jagdbögen informiert. Funktionsgeometrisch machen diese Wurfarmwinkel durchaus Sinn, da durch das Rollensystem die Wurfarme beim Spannen des Bogens eher zueinander als nach hinten gezogen werden wie bei einem Lang- oder Recurvebogen.
Generell empfehle ich Jagdbögen zwischen 33 und 35 Zoll Achsenabstand. Diese Bögen weisen noch ein verhältnismäßig günstiges Packmaß für die Jagdreise auf und es wird kein übergroßer und entsprechend schwerer Koffer benötigt. Diese Bogenlänge kann man durchaus noch als „führig“ bezeichnen und auch im geschlossenen Ansitz eckt man nicht so schnell an. Eine Standhöhe (Abstand Griffmulde bis Sehne) von 6,5 bis 7,5 Zoll (16,5 bis 19cm) ist ein guter Kompromiss aus kontrollierbarem Ziel- und Schießverhalten und erreichbarem Powerstroke (Beschleunigungsweg des Pfeils in Abhängigkeit zur Auszugslänge).

Hier geht's zum Teil 2

 


© 2016 www.bogenjagdpraxis.de  

            Links