Auswahl des Pfeilschafts

Gleich vorweg: An dieser Stelle erspare ich mir detaillierte Ausführungen über die Auswahl des richtigen „Spines“, der zu dem individuellen Bogen passt. Hier unterliegen Jagdbogen und Jagdpfeil denselben Gesetzmäßigkeiten wie die Turnierbogenausrüstung. Der Leser kann sodann die Auswahltabellen der Hersteller studieren, die entsprechende Fachliteratur heranziehen oder das Ganze beim Bogenhändler des Vertrauens ausprobieren.FMJ DG250

Grundlegend unterscheiden sich Jagdschäfte von Scheibenschäften (Bogensport) in ihrer höheren Masse, die der Hersteller zumeist über eine dickere Wandstärke und/oder einen speziellen Materialmix (höherer Fiberglasanteil im Kohlefaserschaft) erreicht. Die dadurch erhöhte Stabilität ist ein positiver Nebeneffekt dieser Verstärkung.
Ich bevorzuge Kohlefaserschäfte, mit und ohne Aluminium laminiert. Natürlich gibt es auch hierfür Gründe. Diese sollten im folgenden Beitrag deutlich werden.


Auswahl der Jagdschäfte nach Werkstoffen
Der Bogenjäger von heute hat die Auswahl zwischen den Werkstoffen Fiberglas, Holz, Aluminium, Kohlefaserverbundwerkstoffen sowie Aluminium-Kohlefaser-Laminat.

Fiberglasschäfte sind recht schwer und werden jagdlich eigentlich nur beim Bogenfischen eingesetzt. Diese Sonderform der Bogenjagd findet auf sehr kurze Distanzen statt (meist unter 10m) und der Pfeil benötigte hier einfach eine große Masse, um eine entsprechende Tiefenwirkung zu erzielen.

Den Werkstoff Holz schätze ich in fast allen Erscheinungsformen und Produkten. Privat arbeite ich viel mit verschiedenen heimischen und exotischen Hölzern im Bereich von Dekoration oder Alltagsgegenständen. Auch auf die Gefahr hin, den Missmut so manch traditionellen Bogenjägers zu erwecken, kann ich es mir nicht verkneifen, den Werkstoff Holz als Pfeilschaft kritisch zu betrachten. Eine inhomogene Struktur, stark schwankende Dichte, deutlicher Verzug bei wechselnder Temperatur und Luftfeuchtigkeit, Bruchanfälligkeit und nicht zuletzt der relativ große und dadurch reibungsintensive Außendurchmesser sind keine Attribute, die ein zuverlässiges, präzises Projektil für den jagdlichen Anwendungsbereich aufweisen sollte.

Die Einführung der ersten Aluminiumschäfte in den 1950er Jahren war schon eiSchäften deutlicher Fortschritt. Sehr gerade Schäfte mit exakten Außen- und Wanddurchmessern ermöglichten eine neue Dimension an engen, reproduzierbaren Trefferbildern. Bis in die 1990er Jahre war der Aluminiumschaft das Mittel der Wahl für die Mehrheit der ernsthaften Bogenjäger. Der Nachteil dieser Schäfte bestand in der Materialermüdung und der Empfindlichkeit bei harten Treffern.

Wenn auch schon mehrere Jahre lang auf dem Markt, konnte sich der Kohlefaserschaft erst ab Mitte der 1990er Jahre durchsetzen. Die ersten Modelle in den 1980er und 1990er Jahren waren recht teuer, ungleichmäßig bezüglich der Wandstärke und zuweilen auch bruchempfindlich. Mittlerweile sind Kohlefaser- oder Karbonschäfte von sehr guter Qualität verfügbar und haben die Aluminiumpfeile aus bereits vielen Jagd- und Sportköchern verdrängt. Sehr stabil und präzise sind auch die Jagdschäfte aus laminiertem Kohlefaser-Aluminium Werkstoffmix (A/C-Schäfte).

 

Auswahl der Jagdschäfte nach Geometrie
Mit dem Begriff Geometrie sind in erster Linie der Außendurchmesser und die Wandstärke des Pfeilschafts gemeint. Betrachtet man das Tiefenwirkungspotential, so ist der Pfeilschaft mit einem möglichst dünnen Außendurchmesser klar im Vorteil. Wichtig ist, darauf zu achten, dass der Schaft einen geringeren Durchmesser aufweist als das Gehäuse der Jagdspitze. Dadurch kann sich der Schaft bei minimierter Reibung leichter durch den Wundkanal schieben und die Penetrationsleistung optimieren. Um die notwendige Steifigkeit zu erreichen, weisen Pfeilschäfte mit geringerem Außendurchmesser eine relativ hohe Wandstärke auf.
Eine höhere Wandstärke bedeutet zumeist auch eine höhere Stabilität bei harten Treffern. Dies ist ein weiterer Punkt, der für den Kohlefaserschaft spricht.

 

Auswahl der Jagdschäfte nach Jagdspitzenaufnahme
(Wichtig: Siehe hierzu auch Montage der Jagdspitze.)

Jagdschäfte müssen die Möglichkeit besitzen, mit einem entsprechenden Schraubadapter ausgerüstet zu werden, der die Montage einer Jagdspitze überhaupt erst ermöglicht. Je nach Hersteller und je nach Pfeildurchmesser werden Schraubadapter zum Einkleben (Insert) oder zum Aufkleben (Outsert) am vorderen Schaftende angeboten.

Grundlegend unterscheidet man

  • Gewindeeinsätze mit Bund (Standard-Insert)
  • Gewindeeinsätze ohne Bund (H.I.T. Insert)
  • Gewindeaufsätze (Outsert) & Jagdspitzenadapter

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Gewindeeinsätze mit Bund (Standard-Insert)
Bei Kohlefaserschäfte mit dem standardisierten Innendurchmesser von 0,246“ (ca. 6,24mm) wie z.B. GoldTip Pro Hunter, sowie die etwas schlankeren Easton Bloodline oder A/C/C Pro Hunting werden Schraubeinsätze verwendet, welche mittels Anschlagbund recht einfach in den Pfeilschaft geklebt werden können. Die Montage ist relativ unproblematisch, solange das Pfeilschaftende sauber geschnitten und/oder nachgeschlichtet wurde.

Gewindeeinsätze ohne Bund (H.I.T. Insert)
Diese Schäfte kamen erst vor wenigen Jahren auf den Markt. Ein dünnerer Außendurchmesser von knapp 7mm und ca. 1mm Wandstärke verhelfen den Schäften wie Easton Axis, Full Metal Jacket, Beman MFX oder Gold Tip Kinetic zu hoher Stabilität und einem erhöhten Tiefenwirkungspotential. Beim Einkleben wird der Gewindeeinsatz mit einem kleinen Setzstempel ca. 12mm tief im vorderen Schaftende versenkt. Der Übergangsschaft der eingeschraubten Jagdspitze liegt somit an der Pfeilschaftinnenwand an und wird nur durch das Schaftende gestützt. Hierfür sind „Broadhead Adapter Rings“ einzusetzen, um der Jagdspitze genug Stützfläche zu bieten.


Gewindeaufsätze (Outsert) & Jagdspitzenadapter
outserts2Die extrem dünnen Schäfte der neuesten Generation wie VAP oder BlackEagle können das Standardgewinde UNC 8-32 nicht mehr aufnehmen. Hier hat man die Wahl zwischen einem Gewindeaufsatz oder einem Jagdspitzenadapter. Ganz klar rate ich zu Ersterem. Der Jagdspitzenadapter (oberes Foto ganz rechts) besitzt einen Klebeschaft, der IN den Pfeilschaft geklebt wird. Der Konus schaut dabei heraus und übernimmt die Aufnahme der Jagdspitze. Durch Hebel- und Scherkräfte bei harten Treffern und schwerem Wild kann nun der Adapter den Pfeilschaft von innen aufbrechen und somit zerstören. Das Outsert arbeitet genau anders herum. Hierbei wird es mittels Hülsenaufnahme AUF den Pfeilschaft geklebt und schützt somit das vordere Schaftende gegen Beschädigungen.


Auswahl der Jagdschäfte nach Masse
Der Bogenjäger sollte sich ganz klar auch Gedanken um die Gesamtmasse seiner Jagdpfeile machen. In zahlreichen Ländern, in denen mit dem Bogen gewaidwerkt werden kann, ist es gesetzliche Vorschrift ein bestimmtes Mindestgewicht einzuhalten. Darüber sollte man sich im Vorfeld informieren. Zudem kann ein bisschen Extra an Masse nicht schaden (Siehe hierzu auch Tiefenwirkung von Jagdpfeilen).

Für europäisches Wild bis hin zum Schwarzkittel empfehle ich ein Gesamtgewicht von runden 500 grains (32,4 Gramm) als Richtwert. Die Hersteller versorgen den Kunden mit allen erforderlichen Daten, wie Schaftgewicht in grains/Zoll und Masse der einzelnen Komponenten, sodass das Gesamtgewicht einfach zusammenaddiert werden kann und der Jäger einen relativ genauen Wert erhält. Dennoch sollte eine Feinwaage in jede Bogenjägerwerkstatt gehören. Ausreichend genaue Modelle findet man im Netz schon für ca. EUR 25,00. Sinnvolle Jagdschäfte weisen eine Masse von nicht unter 9grains pro Zoll Schaftlänge auf. Besser sind 11-15grains. Für Großwild und Dickhäuter geht es mittels Doppelschäftung auch noch schwerer, aber das soll in einem anderen Kapitel näher betrachtet werden.

Je stabiler der Pfeilschaft an sich und je sorgfältiger seine Komponenten verbaut sind, desto geringer ist die Möglichkeit eines Defektes.

 
Was macht denn nun den optimalen Jagdpfeil aus?

Dieser Jagdpfeil sollte folgende Anforderungen erfüllen:

1) Der dynamische Spine, also das Biegeverhalten und dessen Rückstellverhalten beim Abschuss, muss zur Energieabgabe des Bogens passen. Das bedeutet, der Pfeil soll den Bogen möglichst gerade (minimierte Deflektion) verlassen. Hierbei ist eine korrekte Einstellung des Bogens ebenso wichtig. Diese Regel gilt analog auch für den Turnierbogensport.
Siehe hierzu auch: Easton Tuning Guide (englisch)

2) Je höher der statische Spine (Werksangabe der Biegestabilität) in Ruhe, destoDeflect on impact2 steifer reagiert der Schaft in der Regel auch dynamisch. Sowohl während der positiven Beschleunigung auf dem Bogen, als auch während der negativen Beschleunigung im Wildkörper. Jegliche Schaftdeflektion beim Aufprall erfordert Energie und kostet somit Tiefenwirkung.

3) Das F.O.C.(Front-Of-Center), also der Wert in Prozent, den der Balancepunkt des fertigen Pfeiles vor der geometrischen Längenmitte in Richtung des vorderen Endes liegt, sollte mindestens 10%, besser 15% betragen. Für einen stabilen Flug und eine ebensolche Tiefenwirkung muss möglichst viel Masse nach vorn. Siehe hierzu auch F.O.C. Calculator (englisch, aber leicht verständlich).

Punkt 2) und 3) lassen sich übrigens kombinieren, indem man einen Spinewert höher wählt als üblich und dafür eine schwerere Jagdspitze verwendet.

4) Minimierung der Reibungskräfte.
Der Außendurchmesser sollte 8mm nicht überschreiten. Auch wenn manche Bogenjäger einwerfen mögen, dass sie mit ihren 10mm Aluminiumschäften bislang stets einen kompletten Durchschuss erreicht haben, ist der Zusammenhang von erhöhter Tiefenwirkung und schlanken Pfeildurchmessern unbestreitbar. Je schwerer (und evtl. gefährlicher) das bejagte Wild, desto wichtiger ist es, die Grenze eines eventuellen „Penetrations-Versagers“ soweit als möglich nach oben zu verschieben.

5) Rundlaufgenauigkeit
Von vielen Herstellern werden Kohlefaserschäfte mit unterschiedlichen Rundlaufgenauigkeiten angeboten (0.006", 0.003" oder 0.001"). Gerne werden dabei die "unrunderen" Schäfte mit der Bezeichnung "Hunter" und die kerzengeraden 0.001"er Schäfte mit dem Begriff "Target" versehen. Beinahe möchte man glauben, dass es herstellerseitig gewollt ist, dass der Bogenjäger sich mit dem presigünstigerem Material abgeben soll. Zwar haben umfangreiche Test, vor allem der Fa. CarbonTech, mittlerweise erwiesen, dass eine gleichmäßige Wandstärke, ergo ein gleichmäßiges Durchbiegeverhalten (Spine), bei der Trefferpräzision wesentlich mehr Bedeutung zu kommt als der Rundlaufgenauigkeit (die zu allem Überfluss von verschiedenen Herstellern auch noch unterschiedlich gemessen wird), dennoch empfehle ich stets den "besseren" Schaft. Ein Minimum von 0.003" soll dabei als Richtwert dienen, auch wenn zuweilen der Schütze zwischen dem Schaft mit der höchsten und der niedrigsten Rundlaufgenauigkeit bei eigenen Tests keinen Unterschied in der Treffpunktlage festgestellt hat. Schießen und Treffen sind zum großen Teil "Kopfsache" und der Bogenjäger sollte stets 100%iges Vertrauen in seine Ausrüstung haben.

Schon allein die sehr wichtige Anforderung mit einem möglichst geringen Außendurchmesser aufzuwarten, läßt die Entscheidung eines anwendungsoptimierten Jagdschafts in Richtung Kohlefaserschaft fallen. Kohlefaserwerkstoffe kennen zudem die Materialermüdung eines Aluminiumschaftes nicht. Geringer Außendurchmesser, kräftige Wandstärke (und dadurch Masse), sauberer Rundlauf und eine sinnvolle, stabile Aufnahme der Jagdspitze kennzeichnen den optimalen Jagdschaft.

Bei bestimmten Schäften kann es sinnvoll sein, selbige zu polieren. Je griffiger die Oberfläche, desto höher ist auch die Reibung im Wildkörper durch Knochen und festes Gewebe. Besonders so manches Firmenlogo des Herstellers, aber auch Camouflagebeschichtungen muten manchmal schon beinahe „gummiert“ an und sollten mit etwas Autowachs am Polierbock (mittelweiche Nesselscheibe) auspoliert oder bei kleinen Flächen sogar mittels Aceton entfernt werden. Dazu mehr im Bereich „Do-it-yourself“ zu gegebener Zeit.


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