Die Auswahl der Jagdspitze

Es ist schon erstaunlich:
Bittet man unterschiedliche Personen, jeweils einen Pfeil auf ein Blatt Papier zu zeichnen, so fällt auf, dass auf so gut wie jeder Zeichnung die Pfeilspitze einer klingenbewehrten Jagdspitze gleicht. Selbst Bogensportvereine, die an sich mit der Jagd so gar nichts am Hut haben, zeigen ihre Freizeitzeitgestaltung zumeist durch ein Vereinslogo in Form einer Jagdspitze. Klar, so eine simple Scheibenspitze als Symbol ohne die abstehenden Klingen, assoziiert kaum jemand mit dem Bogenschießen.

Unter den vielen Dutzend nützlichen und weniger nützlichen Ausrüstungsgegenständen für Bogenjäger, ist dieses kleine Teil absolut unersetzlich. Erst die klingenbewehrte Pfeilspitze, macht eine Bogenausrüstung zur BogenJAGDausrüstung. Im Moment der Wahrheit muss dieses kleine Bauteil sozusagen an vorderster Front die Hauptarbeit verrichten und dabei gleichzeitig sehr hohen Belastungen widerstehen.

In der Bogenjagd der Neuzeit ist die industrielle Serienfertigung von Jagdspitzen bis in das Jahr 1878 zurückzuverfolgen. Im Peck&Snyder Katalog „The Modern Archer“ wurde der „Indian spear point“ inklusive passender Pfeile zum Kauf angeboten. Die großen Stückzahlen produzierten jedoch andere Hersteller ab den 1920er Jahren. Laut dem ABCC (American Broadhead Collectors Club) gibt es mittlerweile über 3000 unterschiedliche Jagdspitzen, von denen die meisten heute nicht mehr gefertigt werden. Ich habe ca. 300 Stück von 1940 bis heute in meiner kleinen Sammlung. Die Kreativität, aber auch die Einfältigkeit, so mancher Erfinder, ist schon beachtlich. Qualitativ betrachtet, kann man sagen, dass es wenige gute und einige brauchbare Jagdspitzen auf dem Markt gab und noch gibt. Leider aber auch viel „Zweifelhaftes“ (um eine krassere Titulierung zu vermeiden).

Moderne Jagdspitzen werden von CNC-Automaten in großen Stückzahlen hergestellt. Glücklicherweise konnte man in den vergangenen 10 Jahren eine deutliche Steigerung der Qualität und der anwendungsspezifischen Sinnhaftigkeit feststellen, so dass der Bogenjäger heutzutage zwischen einigen wirklich guten und vielen brauchbaren Jagdspitzen wählen kann.

Im Gegensatz zum Büchsenprojektil ist bei der Jagdspitze zielballistisch eine Deformation oder Zerlegung überhaupt nicht erwünscht und wäre mehr als kontraproduktiv. Um eine tödliche Tiefenwirkung im Wildkörper zu erreichen, muss die Jagdspitze

  • ihre strukturelle Integrität auch bei harten Knochentreffern zu 100% bewahren
  • eine sehr hohe Klingenschärfe aufweisen und diese möglichst auch erhalten

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Es gilt also eine Jagdspitze zu verwenden, die möglichst stabil konstruiert ist und deren Klingen aus einem brauchbaren, vergüteten Schneidstahl bestehen. Die häufigsten Fragen rund um das Thema Jagdspitzen sollten nachfolgend beantwortet werden und als Hilfe und Anregung für die Auswahl einer geeigneten Jagdspitze dienen. Sollten später noch andere Fragen untersucht werden müssen, wird dieser Beitrag entsprechend erweitert.

Schrauben oder Kleben?
Um die Verbindung zum Pfeilschaft herzustellen findet man in der Regel Jagdspitzen Threadnglueonmit Innenkonus zum Aufkleben auf den entsprechend angespitzten Holzschaft, sowie Aufnahmen mit einem Schraubschaft (seit 1972 auf das zöllige Gewinde UNC 8-32 standardisiert). Beide Aufnahmen lassen sich durch diverse Adapterlösungen aus dem Zubehörhandel auch austauschen, so dass die Frage nach „Schrauben oder Kleben?“ keinen wirklich ausschlaggebenden Faktor bei der Auswahl der Jagdspitze darstellt. Zu diesem Thema empfehle ich auch die Lektüre des Beitrags „Die Montage der Jagdspitze“.

Wie viele Klingen sollen es sein?
Ebenso wie die Wahl des geeigneten Büchsenprojektils innerhalb der Gewehrjägerschaft, ist die Frage nach der Klingenanzahl der Jagdspitze das wohl am häufigsten diskutierte Thema unter den Bogenjägern. Hier stehen sich häufig die Lager der „Zweischneider“ und der „Mehrschneider“ gegenüber. Man könnte auch sagen „maximale Tiefenwirkung“ gegen „maximale Schweißfährte“.

Werfen wir einen Blick auf die grundlegenden Unterschiede, sowie die Vor- und Nachteile.
TwobladersDie Zweischneider, im Englischen auch Two- bzw. Singleblader genannt, entsprechen rein geometrisch dem, was die meisten Menschen unter einer klassischen Pfeilspitze verstehen. Sie weisen ein flaches Profil mit zwei Schneiden auf. Ihre Hauptstärke liegt in der optimierten Tiefenwirkung. Ab einer bestimmten Wildstärke, vor allem bei afrikanischem Großwild, sind nur noch Zweischneider zugelassen. Den Nachteil dieser Jagdspitzen sehen einige Bogenjäger darin, dass Ein- und Ausschussöffnung nur aus einem Schlitz in der Decke des beschossenen Stückes bestehen. Je nach Trefferlage kann dadurch die Schweißfährte recht gering ausfallen. Flüchtet das Wild sodann durch dichte Vegetation aus dem Sichtbereich, wird eine rein visuelle Verfolgung schwierig. Besonders bei Treffern im Bereich „Hochblatt“, findet der Schweißverlust zum größten Teil innerhalb des Körpers statt.

Mehrschneidige Jagdspitzen (Multiblader) haben sich vor allem in den Varianten „Dreischneider“ und „Vierschneider“ etabliert. Der klare Vorteil gegenüber den Zweischneidern sind die sternförmigen Ein- und Ausschusswunden, die dem Schweiß ein leichteres Austreten aus dem Wildkörper ermöglichen. Allerdings gilt es festzuhalten, dass die Menge des austretenden Schweißes vor allem von der Trefferlage abhängt.

Jagdspitzen mit mehr als vier Schneiden sind generell nicht zu empfehlen. Außenballistisch empfindlich, ist der verursachte Widerstand im Wildkörper einfach zu hoch und eine tödliche Tiefenwirkung kann nur noch mit einer extremen Jagdpfeil/Jagdbogen-Kombination gewährleistet werden. Da die Wundwirkung der Jagdspitze nur in minimalem Ausmaß von der Klingenanzahl abhängt, solange wir vor Treffern innerhalb des Kammerbereichs reden, machen solche Jagdspitzen zielballistisch ohnehin keinen Sinn.

FourbladersSixbladersThreebladers

Ja, was denn nun?
Hier beginnt sie nun, die Glaubensfrage. Natürlich gilt es zunächst die örtlichen Bogenjagd-Regularien zu beachten, ob sie nun Sinn machen oder nicht. Beispielsweise sind in Dänemark Jagdspitzen mit mindestens drei Klingen vorgeschrieben. Allerdings wird dort maximal nur relativ „zartes“ Rehwild bejagt. Die Wildstärke, aber auch das Leistungspotential von Jagdpfeil und Jagdbogen spielen hierbei ebenfalls eine Rolle. Innerhalb Europas macht man bei der Jagd auf Cervide mit einem hochwertigen Mehrschneider keinen Fehler. Spätestens aber bei einem schweren Hauptschwein, fühle ich mich persönlich mit einem soliden Zweischneider deutlich wohler. Diese Jagdspitzen sind ohnehin meine erste Wahl. Die Ursache dafür liegt in folgenden Überlegungen, Schlussfolgerungen und Erfahrungen:

1) Der Zweischneider benötigt auch bei schweren Knochentreffern nur einen Schlitz oder Spalt, um den Weg für den Pfeilschaft freizuschneiden. Das heißt, der Knochen wird nur einmal gebrochen und ein höchstmögliches Maß an Restenergie bleibt für den weiteren Wundkanal erhalten. Der Dreischneider muss den Knochen bereits dreimal (3 Schnitte im 120°-Winkel), der Vierschneider zweimal (2 Schnitte im 90°-Winkel) durchtrennen. Dies ist der Grund, warum Vierschneider bei Penetrationstest häufig besser abschneiden als Dreischneider.

2) So etwas wie ein „Zuviel an Tiefenwirkung“ gibt es für mich nicht. Je höher das Tiefenwirkungspotential des Jagdpfeils, desto mehr Spielraum ist für unvorhersehbare Herausforderungen vorhanden. Der Pfeil sollte immer das Wild komplett durchschlagen. Ohne Ausschuss, womöglich noch mit dem Pfeilschaft in der Einschusswunde, wird die Schweißfährte auch mit einem Mehrschneider nicht üppig ausfallen. Analog zur Jagd mit der Büchse achte ich stets auf einen entsprechenden Projektilfang.

3) Eine erhöhte Wundwirkung von Mehrschneidern ist ein weit verbreiteter Trugschluss. Der Herz-Lungenbereich ist durch ein dichtes Netz von Gefäßen durchzogen. Der Schweiß, der beispielsweise bei einem Lungentreffer mittels eines Dreischneiders durch den Bereich der dritten Klinge austritt, fließt bei einem Zweischneider Sekundenbruchteile später ebenso aus dessen verursachter Schnittwunde. Die Länge der Fluchtstrecke von beschossenem Wild hängt von mehreren Faktoren ab. Noch nie konnte jedoch ein Zusammenhang zwischen der Fluchtstrecke und der Anzahl der Klingen wissenschaftlich belegbar abgeleitet werden.

Zusätzliche Exit SFDSSchneiden verursachen zwar auch zusätzliche Schnitte, jedoch in demselben, kleinen Bereich des Schnittdurchmessers. Gefäßanatomisch würde es mehr Sinn ergeben, eine breitere Schneide einzusetzen, die wirklich weitere Gefäße erfasst, anstatt die bereits zertrennten Gefäße nochmals zu schneiden. Etwas anders kann es bei Wundschüssen außerhalb der Kammer ausschauen. Hier besteht für den Mehrschneider eine höhere Wahrscheinlichkeit ein großes Gefäß (z.B. Arteria femoralis oder Arteria celiaca) zu durchschneiden. Aber auch nur, wenn der Zweischneider bei identischem Treffer zufällig mit der Klinge parallel zu diesem Gefäß penetriert und selbiges nur streift, anstatt es zu durchtrennen.

 4) Mehrschneider besitzen zumeist Wechselklingen. Diese sind oft deutlich fragiler als die Klinge eines soliden Zweischneiders. Die wenigen, robust gefertigten Mehrschneider lassen sich durch die Winkelstellung der feststehenden Klingen zueinander nur sehr umständlich nachschärfen.

Soviel nur kurz dazu. Selbstverständlich darf ein Jeder seine eigenen Überlegungen anstellen, Erfahrungen sammeln und innerhalb der jeweiligen gesetzlichen Richtlinien seine Wahl bezüglich der Jagdspitze treffen. Auch wenn ich persönlich ausschließlich Zweischneider einsetze, gilt festzuhalten, dass es ganz hervorragende Mehrschneider auf dem Markt gibt.

 

Kohlenstoffstahl oder Rostfrei?
CarbonvsstainlessBesonders Messerliebhaber bevorzugen zuweilen die Eigenschaften von hochwertigem Kohlenstoffstahl. Relativ einfaches Schärfen, ein feines Stahlgefüge und die erreichbare, enorme Schärfe haben viele Anhänger. Dennoch ist zu beachten, dass eine Jagdspitze einen anderen Einsatzzweck verfolgt als ein Gebrauchsmesser. Kohlenstoffstahl ist nun mal in relativ hohem Maße von Korrosion betroffen, die auch vor der Schneide nicht Halt macht. Vor jeder Jagd bzw. Jagdreise müsste man also die Spitzen neu schärfen, will man sie nicht permanent im Fett- oder Ölbad lagern. Dies ist auch der Grund, warum es Jagdspitzen aus Kohlenstoffstahl immer nur „vorgeschliffen“, nie jedoch wirklich „scharf geschliffen“ zu kaufen gibt. Die Wochen, Monate oder sogar Jahre, die ein solches Produkt im Laden liegt, würde die Schneide ohnehin wegkorrodieren.

Moderne Vergütungsverfahren von hochwertigen, rostträgen Schneidstählen, sowie die Legierungsbestandteile an Chrom, Molybdän, Vanadium u. a. verleihen den daraus gefertigten Klingen eine erreichbare Schärfe und Haltbarkeit, welche sich nicht nur hinter den Kohlenstoffstählen nicht mehr verstecken müssen, sondern sich anwendungsspezifisch für die Jagdspitze einfach besser eignen. Einmal ordentlich geschärft, kann man die Jagdspitzen bzw. Klingen über Jahre aufbewahren und sie sind immer einsatzbereit.

 

Austauschbare oder feststehende Klingen?
Wechselklingen haben den unschlagbaren Vorteil, dem Anwender die Schärfarbeit zu ersparen. TH100Nun ja,
manchmal zumindest. Denn nicht immer kommen die Klingen angemessen scharf vom Hersteller. Zudem haben Wechselklingen häufig eine geringere Dicke als feststehende Klingen. Besonderes Augenmerk sollte aber auch der Schneide an sich gewidmet werden. Eine superscharfe Klinge nützt nicht viel, wenn sie schon an der ersten Rippe Schaden nimmt. Schliffwinkel, sowie Werkstoffauswahl und –vergütung sind hierfür entscheidend.
Ein stabiler Schneidenwinkel sollte 35° (17,5° pro Wate) nicht unterschreiten. Ebenso sollte eine Wechselklinge nicht dünner als 0,8mm sein. Eine Jagdspitze, die z.B. beim Beschuss einer 16mm Sperrholzplatte bereits Schaden nimmt, taugt nicht zur Jagd.
Dies sind allerdings nur ungefähre Richtwerte. Die Art und Stabilität der Klingenaufnahme sind ebenso wichtig. Glücklicherweise gibt es auf dem Markt eine Reihe sehr hochwertiger Jagdspitzen, sowohl mit Wechsel- als auch mit feststehenden Klingen.

 

Wie kann ich die Klingen nachschärfen?
Das Nachschärfen von Jagdspitzen unterliegt denselben physikalischen Gegebenheiten wie das Schärfen eines Gebrauchsmessers, ist aber mitunter etwas umständlicher. Hierzu haben wir einen extra Beitrag veröffentlicht..

 

Ab wann ist die Klingenschärfe „jagdtauglich“?
Ja, wer kennt sie nicht? Die Machoprobe mit der Rasur am Unterarm. In der Tat ist die „Rasierschärfe“ ein guter Indikator für die Jagdtauglichkeit der Klingenschärfe. Da aber diese Testmethode schnell zu Verletzungenhairsplit führen kann, rate ich hiermit ausdrücklich davon ab. Ein praktischer Test ist der Druckschnitt durch normales Kopierpapier. Schafft es die Klinge alleine durch das Drücken der Schneide (ohne Zug) gegen die Papierkante, das Papier zu zertrennen, so kann man von einer sehr brauchbaren Schärfe ausgehen. Jeder Bogenjäger hat seine eigene Methode, die Schärfe zu evaluieren. Die meisten davon bergen ein nicht unerhebliches Verletzungsrisiko und sollen deshalb hier nicht weiter behandelt werden. Die "Königsdisziplin" ist das Spalten von menschlichen Haaren. Ein Übermaß an Schärfe gibt es bei einer Jagdspitze nicht.

 


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