Die Montage der Jagdspitze

Aufgrund der großen, oft unterschätzten Bedeutung der fachgerechten Montage einer Jagdspitze wurde zu dieser Thematik hiermit ein eigener Beitrag erstellt. Die Verbindungstelle zwischen Pfeilschaft und Jagdspitze kann unter Umständen zielballistisch über Erfolg und Misserfolg entscheiden. Je härter sich das Ziel darstellt, also je schwerer und robuster die bejagte Wildart wird, umso mehr Beachtung muss man diesem Punkt widmen.

In der Regel sind moderne Jagdspitzen am Heck mit einem Schraubkonus (zölliges Gewinde UNC 8-32) versehen, welchen man in den Gewindeein- bzw. aufsatz des Pfeilschafts schraubt. Für Holzschäfte gibt es diverse Jagdspitzen mit Innenkonus, welche auf den angespitzten Schaft mittels Klebeverbindung montiert werden. Betrachtet man nur die Verbindungsart an sich, ist dieser Formschluss unter Umständen die stabilere Variante. Allerdings wird dies durch die Bruchempfindlichkeit von Holz wieder relativiert. Für Auslandsjagden wird zudem empfohlen, Pfeile und Jagdspitzen nicht montiert und getrennt voneinander zu transportieren. In diesem Beitrag soll sich deshalb auf die Schraubspitzen konzentriert werden.
Diese kraft- und formschlüssige Verbindung ist in der Tat ein neuralgischer Punkt. Besonders Scher- und Hebelkräfte können hier zur Beschädigung oder sogar zum Versagen der Jagdpfeil-Jagdspitzen-Kombination führen. Bei nachlässig montierten Jagdspitzen kann es zu Problemen kommen, die zuweilen vorschnell und fälschlicherweise der Qualität der Jagdspitze oder dem Pfeilschaft angelastet werden.

Eine der stärksten Belastungen, denen Jagdspitzen ausgesetzt sind, stellt der Schuss von leicht schräg hinten durch die Kammer dar (quarter-away-shot), bei dem die Spitze im gegenüberliegenden Schultergelenk stecken bleibt. Durch die anschließende Fluchtbewegung des Wildes wirkt der Pfeilschaft als Hebel. Die Folge ist häufig ein Brechen des Pfeilschafts oder eine Beschädigung der Jagdspitze sowie der Schraubverbindung. Zwar hat in diesem Fall der Jagdpfeil seine „tödliche Arbeit“ bereits getan, aber auch schon vor dem Erreichen des Kammerbereichs können die Jagdspitze und der Jagdpfeil, je nach Auftreffwinkel und Wildstärke großen Belastungen ausgesetzt sein. Das kann sehr oft ohne negative Konsequenzen vonstattengehen. Wird jedoch einmal die erwünschte Wundwirkung nicht erzielt, ist das Entsetzen groß und Ratlosigkeit stellt sich ein.

Folgende Punkte müssen für eine fachgerechte Jagdspitzenmontage beachtet werden:

  • Vorbereitung des Pfeilschafts bzw. Gewindeeinsatzes
    (evtl. Ansenken und Nachschlichten)
  • Sitz der Schraubverbindung
  • Klingenausrichtung


Die Vorbereitung und Sitz der Schraubverbindung
Der Standard-Schraubeinsatz verhält sich weitgehend problemlos. Beim Einkleben kann man eigentlich nicht viel falsch machen und der Außendurchmesser des Anschlagbunds bietet mit ca. 8-8,5mm genügend Stützfläche für eine stabile Verbindung. Trotzdem ist es stets sinnvoll, die Anschlagsfläche nachzuschlichten. Je nach Jagdspitzengehäuse kann es dann sein, dass man die Aufnahmebohrung des Einsatzes mittels Senker neu ansenken muss.Fase01

Durch diese Vorbereitung ist einerseits gewährleistet, dass der Boden des Jagdspitzengehäuses gleichmäßig gestützt wird und andererseits exakt mit dem Pfeilschaft fluchtet. Diese Arbeit lässt am besten in einer Drehmaschine bewerkstelligen. Da aber die wenigsten Bogenschützen eine solche Maschine im Zugriff haben, werden von der Industrie brauchbare Alternativen angeboten.
Das A.S.D. Werkzeug (Arrow Squaring Device) von G5 Outdoors ist eines davon. Etwas komfortabler ist das APS (Arrow Preparation System) von Firenock.
Die entsprechende Behandlung von beiden Pfeilschaftenden und abschließender Behandlung der Anschlagsfläche am Insert ist generell empfohlen.

Folgende Abbildung verdeutlicht einen formschlüssigen (grüner Kreis) und einen unzureichenden Sitz (roter Kreis) einer JagdspitzeBH set. Hierbei wurde nicht weit genug angesenkt und die Jagdspitze kann die Anschlagsfläche nicht ganz erreichen, weil ein kleiner, stabilisierender Radius am Jagdspitzengehäuse zu früh am Bohrungsrand anschlägt. Diesen kleinen, aber wichtigen Unterschied zu übersehen, kann schon an der ersten Rippe der Einschussseite fatale Folgen haben.

Bei MFX-Pfeilschäften (Easton Axis, FMJ, Beman MFX etc.), die mit einem H.I.T.-Insert ausgestattet sind, ist ein Nachschlichten und Nachsenken ebenso wichtig. Generell empfehle ich bei diesen schlanken Schäften die Verwendung der passenden „Broadhead Adapter Rings“. Die jeweilige Größe ist den Herstellerunterlagen zu entnehmen.BARBARs Diese Ringe werden zwischen Pfeilschaft und Jagdspitze montiert (Empfehlung: Aufkleben mit Zwei-Komponenten-Epoxydkleber) und gewährleisten dem Jagdspitzengehäuse deutlich mehr Stützfläche. Ein Nachschlichten und Nachsenken sollte auch hier erfolgen.



OutsertsDen besten Sitz der Jagdspitzen erreicht man durch passend gedrehte Hülsen (ToughCaps oder Collars), die nicht nur die Jagdspitze stützen, sondern auch das vordere Ende des Kohlefaserschaftes vor Beschädigungen schützen.
Diese erhält man auch vorgefertigt bei gut sortierten Anbietern wie 3Rivers.Fase02

Die neuen, superdünnen Jagdschäfte wie VAP, Black Eagle oder auch Easton Injexion sollten mit einem passenden Gewindeaufsatz (Outsert von Firenock) versehen werden. Auch hier wird der Schaft gut geschützt und man kann Jagdspitzen mit dem UNC 8-32 Standardgewinde verwenden.
Sowohl die Jagdspitzenadapter von VAP als auch die DeepSix Gewindeeinsätze von Easton halte ich aus Stabilitätsgründen für eine fragwürdige Lösung (dazu mehr im Beitrag "Auswahl der Jagdspitze").
Das Aufkleben der Gewindeaufsätze von Firenock sollte sehr sorgfältig erfolgen. Der Rundlauf sollte vor dem Kleben und während der Trocknungszeit des Klebers geprüft werden. Danach erfolgt wieder das Nachschlichten und Nachsenken.

 Untenstehendes Foto zeigt eine perfekt sitzende Jagdspitze auf einem ACC Pro Hunting Pfeilschaft. Der Gehäuseboden der Spitze wird gleichmäßig über den gesamten Durchmesser vom Pfeilschaftende gestützt. Hier mit verstärkender Messinghülse. Eine solide Kombination aus Kraft- und Formschluss lässt Pfeil und Spitze zu einer Einheit verschmelzen und wird den Bogenjäger in Flugverhalten, Präzision und auch bei harten Treffern nicht im Stich lassen.

Perfekter Sitz web Die Klingenausrichtung
Bei Jagdspitzen mit feststehenden Klingen sollte die Position der selbigen im fest eingeschraubten Zustand so justiert werden, dass im Vollauszug die Klingen ausreichend Abstand zum Bogenfenster oder Teilen der Pfeilauflage haben. Vor allem, wenn die Klingen einen Schnittdurchmesser von 1,5“ (38mm) und mehr aufweisen, ist dies zu beachten. Keinesfalls darf eine Klinge mit Teilen des Bogens in Berührung kommen. Durch die Torsion um die senkrechte Längsachse im Mittelteil des Compoundbogens, sowie deren Rückstellung beim Ablass, empfehle ich einen Abstand von mindestens 3mm zwischen Klingen und Bogenfenster, damit jeglicher Kontakt ausgeschlossen wird und der Pfeil im Abschuss den Bogen „ungehindert“ verlassen kann. Bei Zweischneidern sei an dieser Stelle eine senkrechte Ausrichtung der Klinge mit ausreichendem Abstand zum Shelf empfohlen.Clearance web

Diese Einstellung bereits beim Einkleben des Gewindeeinsatzes vorzubereiten, bedarf der Überlegung, dass das Pfeilende bzw. der Bund des Standard-Gewindeeinsatzes eventuell noch nachgeschlichtet müssen, was logischerweise die Klingenposition leicht verändert.

Drehmaschine webPraktisch ist hierbei der Einsatz einer kleinen Drehmaschine. Die Gewindesteigung des UNC 8-32 beträgt genau 0,79mm, aufgerundet 0,8mm. Steht die Klinge der Jagdspitze beispielsweise genau waagerecht und ich möchte sie senkrecht positionieren, also um weitere 90° weiter einschrauben, muss ich lediglich 0,2mm vom Pfeilende abtragen (90°= ¼ von 360° >> 0,2mm= ¼ von 0,8mm). Eventuell notwendiges Nachsenken nicht vergessen.


Häufige Fragen und Antworten

Wie fest muss die Jagdspitze eingeschraubt werden?
Nach Erfahrungswerten genügt eine „handfeste“ Montage vollkommen, um einen ausreichenden Kraftschluss zwischen Jagdspitze und Gewindeeinsatz herzustellen. Benutzt man einen Schutzadapter (Broadheadwrench) zum Aufschrauben, kann man ein höheres Drehmoment ausüben und muss darauf achten, dass Gewinde nicht zu beschädigen. Gerade die Schraubeinsätze so mancher Pfeilhersteller sind mitunter aus Aluminium von geringerer Festigkeit hergestellt.

Eine zusätzliche Schraubensicherung ist eigentlich nicht notwendig. Wer sich damit besser fühlt, kann eine winzige Spur niedrigfester Gewindesicherung (z.B. Loctite 222) zur stoffschlüssigen Unterstützung verwenden. Normale Klebstoffe oder Wachs sind eher ein Notbehelf.

Wie kann man den geraden Sitz der Jagdspitze überprüfen?
Sitzt die Jagdspitze nicht in einer Flucht mit dem Pfeilschaft, kommt es durch die Pfeilrotation während des Fluges zu einer Unwucht, gefolgt von aerodynamischen Interferenzen durch die Klingen der Jagdspitze, bis hin zu einem Abdriften des Pfeils von der Flugbahn. Spin In der Voraussetzung, die Verbindung wurde ordentlich vorbereitet und die Jagdspitze ebenso exakt gefertigt, sollte sich die Spitze präzise zum Pfeilschaft ausrichten lassen. Den Rundlauf wirklich genau zu prüfen, ist nur mit einem optischen Messsystem möglich.Spin02 Eine ausreichende Präzision lässt sich aber auch per Augenmaß prüfen, in dem man den Pfeil auf zwei drehbaren Auflagepunkten von Hand rotieren lässt und dabei die Jagdspitze beobachtet. Alternativ kann man den Pfeil mit der Spitze an einen starken Magneten hängen und rotieren lassen. Senkrecht mit der Spitze auf einer Glasplatte rotierend funktioniert auch, jedoch muss man bedenken, dass die äußerste Spitze der Klinge oder des Meißels nicht zwangsläufig im absoluten Querschnittszentrum liegen muss. Das bedeutet, dass der Pfeil zwar ein wenig unrund läuft, aber dennoch sauber fliegt, da die Masse gleichmäßig um die Längsachse verteilt ist. Sollte ein perfekt hergerichteter Jagdpfeil nicht sauber fliegen und treffen, ist dies kein Fehler der Jagdspitze, sondern eher ein Hinweis, dass der dynamische Spine des Pfeilschafts (Deflektionsrate beim Abschuss) nicht zur Energieabgabe des Bogens passt.


Müssen die Klingen der Jagdspitze mit der Befiederung ausgerichtet werden?
Besonders bei Liebhabern von dreischneidigen Jagdspitzen findet man die Eigenheit, die Einschraubposition so anzuordnen, dass die Klingen möglichst genau fluchtend mit der Befiederung ausgerichtet sind. Eine strömungstechnische Sinnhaftigkeit lässt sich allerdings schon allein aus der Tatsache, dass der Pfeil im Flug rotiert nicht erkennen. Zudem ist es unlogisch und wäre eher kontraproduktiv für die stabilisierende Befiederung eine Art Windschatten erzeugen zu wollen. Der Effekt dürfte also eher psychologischer Natur sein. Nach ausgiebigen Tests kann ich sagen:

Sitzt die Jagdspitze sauber fluchtend mit dem Pfeilschaft, ist die Position der Klinge(n) ohne Belang für die Außenballistik.

Merke:

Pfeilschaft und Jagdspitze sind als Funktionseinheit zu betrachten.
Eine gewissenhafte Montage der Jagdspitze minimiert mögliche Fehlerquellen. Ein erhöhtes Maß an Sorgfalt wird sich unmittelbar außen- und zielballistisch auszahlen. Aus Gründen eines mangelhaften Kraft- und Formschlusses ist von der Verwendung von O-Ringen bei der Jagdspitzenmontage generell abzuraten.


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